Daumenkino

Ein Daumenkino ist ein Abblätterbuch, das sich – wie das Kino – den Stroboskopeffekt zunutze macht und dem Betrachter ermöglicht, eine Sequenz von Einzelbildern als fortlaufende Bildfolge zu betrachten. Durch das schnelle Abblättern einer Ansammlung zusammengehöriger Phasenbilder entsteht im Gehirn die Illusion einer vollständigen Bewegung. Die rezipierte Geschichte ist vom Betrachter im Hinblick auf die Geschwindigkeit interaktiv beeinflussbar. Gut gemachte Daumenkinos sind in diesem Zusammenhang gleichermaßen ein haptischer wie intellektueller Genuss. Das Daumenkino kann als Vorläufer der kinematographischen Projektion angesehen werden.



Geschichte




Erste nach heutigem Empfinden daumenkinoartige Buchwerke finden sich schon um 1600. Doch schreiben einige erst dem Franzosen Pierre Hubert Desvignes die Idee des ersten Daumenkinos um 1860 zu, zumindest im Hinblick auf die Animation verschiedener Bildphasen. John Barnes Linnett, ein Drucker aus Birmingham erhielt dann das erste Patent für ein "flip book" unter dem Namen "The Kineograph a new optical Illusion" am 18. März 1868 (British Patent, Nr. 925). 1894 konnte auch der deutsche Filmpionier Max Skladanowsky seine ersten Probeaufnahmen zunächst nur als Daumenkino betrachten, da es für das in der von ihm selbst konstruierten FilmkameraKurbelkasten I belichtete Filmmaterial noch keinen Projektor gab. Zweifellos sind die kleinen Daumenkinos wichtige Geburtshelfer des Films; sie leiten den Übergang von der Fotografie zum Kino ein. Alle wichtigen Filmpioniere (Eadweard Muybridge, Étienne-Jules Marey, die bereits erwähnten Brüder Skladanowski in Berlin, die Brüder Lumière in Lyon, Thomas Edison u.a.) experimentierten mit ihnen.Ab 1897 vermarktete der englische Filmtechniker Henry William Short unter dem Namen Filoscope ein Daumenkino in einem Metallhalter, bei dem ein kurzer Hebel das Abblättern erleichtern sollte. Ähnliche Metallblätteretuis finden sich auch bei dem Daumenkinoproduzenten Léon Beaulieu. Auch der Filmkonzern Gaumont ließ 1909 eine Blätterhilfe patentieren.Laut deutschem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" soll es lange vor der Erfindung des Papiers das erste handbetriebene Kino gegeben haben. Als Zeichenunterlage dienten den frühen Cartoonisten Tonschüsseln, die man mit dem Daumen in Drehung versetzen konnte. Trotzdem gelten die Tonschüsseln nicht als Daumenkino. Die Bildchen auf der Schüsselwand erweckten die optische Illusion eines fortlaufenden Films. Diese Tonschüsseln nennt man Zoetrop. Eng verwandt mit dem Daumenkino ist ferner beispielsweise das sogenannte Mutoskop. Hier sind die einzelnen Phasenbilder auf einer drehbaren Achse angeordnet.Einen frühen Vorläufer des Daumenkinos fanden iranische Archäologen in Schahr-e Sochte. Auf eine Schüssel aus der Bronzezeit waren mehrere Bilder einer Ziege gemalt. Sobald die Schüssel gedreht wurde, sah es so aus, als ob das Tier springt und nach Blättern schnappt.

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